Glossar

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Seit wir uns in der Transformationsphase mit dem Team in Indien befinden, fokussieren wir uns mehr auf das Fundraising in der Schweiz. So ist auch die Kommunikation wichtiger geworden. In Kombination mit der Auseinandersetzung mit dem Thema Dekolonialisierung sind mir immer wieder Begriffe begegnet, die mir entweder noch unbekannt waren oder die wir in unserer Arbeit benutzt haben, deren Bedeutungen, Herkünfte oder Hintergründe wir aber nun hinterfragen. Oder Bezeichnungen, die wir für uns anders definieren wollen, falls wir keine Alternative finden.

Um diese Überlegungen transparent zu machen und für alle Interessierten wächst an dieser Stelle schrittweise unser Glossar. Es ist als Arbeitsdokument zu verstehen, einzelne Abschnitte zu Begriffen können sich also auch verändern. Und natürlich sind eure Gedanken und Anmerkungen dazu willkommen!

Begünstigte
Im Kontext von Fundraising und operativer Stiftungen sind mit Begünstigten meist die Personen gemeint, die von den Tätigkeiten oder Geldern einer Organisation profitieren. Sie werden als rein Empfangende wahrgenommen, nicht als ganzheitliche Personen. Wir sehen davon ab, diesen Begriff zu benutzen, da er die Gesamtheit der Arbeit nicht genügend wiederspiegelt. Die Teilgebenden des Projekt empfangen nicht nur Leistungen, sondern wirken aktiv mit. Stattdessen sprechen wir vom Team, der Gruppe, von Mitwirkenden oder sprechen von konkreten Personen.

Entwicklungszusammenarbeit
Der Begriff Entwicklungszusammenarbeit stammt noch aus einer Zeit, in der die Überlegenheit westlicher, weisser Menschen als selbstverständlich angenommen wurde, sich also die Angesprochenen von weniger entwickelt zu entwickelt bewegen würden. Wir verwenden den Begriff "Internationale Zusammenarbeit", wenn auch mit Vorbehalten.

Internationale Zusammenarbeit
Internationale Zusammenarbeit ist weniger hierarchisch als Entwicklungszusammenarbeit, trifft aber auch nicht ganz die Komplexität unserer Tätigkeit, da die finanziellen Mittel alle aus der Schweiz kommen, was bis jetzt ein Ungleichgewicht schafft. Noch haben wir keinen passenderen Begriff gefunden, der auch für Spender:innen gut verständlich ist.

Kolonialität
Während Kolonialismus in der Regel die historische und politische Herrschaft über kolonialisierte Gebiete bezeichnet, verweist der Begriff Kolonialität auf das, was darüber hinaus bestehen bleibt. Gemeint sind Strukturen, Denkweisen und Praktiken, die aus kolonialen Machtverhältnissen hervorgegangen sind und bis heute fortwirken – etwa in globalen Ungleichheiten, Wissenshierarchien oder Vorstellungen davon, wessen Perspektiven als selbstverständlich gelten.
In unserer Arbeit dient er vor allem als Reflexionsbegriff: nicht um direkte Parallelen zu kolonialer Herrschaft zu ziehen, sondern um sensibel zu bleiben für historische Zusammenhänge und bestehende Machtverhältnisse.

Kolonialismus
"Die Unterwerfung eines Volkes durch ein anderes, insbesondere in Bezug auf die Zeit der britischen und europäischen Kolonialreiche vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Politische und wirtschaftliche Kontrolle eines Staates über entfernte Kolonien." Auf Deutsch übersetzt vom Decolonising Glossary des Curatorial Research Center. Siehe auch Neokolonialismus und Kolonialität.


Self Help Group (SHG)
Self Help Groups sind in Indien eine sehr verbreitete Organisationsform, für uns am ehesten mit Vereinen zu vergleichen. Sie haben eigentlich den Zweck, dass sich Personen mit ähnlichem Hintergrund zusammenschliessen, um gemeinsam (meist wirtschaflich) aktiv zu werden. Viele SHG's sind an staatliche Programme angebunden und erhalten Zugang zu Trainings, Material, Bankkrediten oder auch zu Märkten und Verkaufsplattformen.
In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Viele der Frauen, mit denen wir arbeiten, sind bereits Teil einer solchen Gruppe. Oft wird das SHG-Format aber vor allem genutzt, um Zugang zu Krediten zu erhalten, die dann nicht unbedingt in den Aufbau eines gemeinsamen Geschäfts oder einer nachhaltigen Einkommensquelle fliessen. Für uns ist das SHG-Modell trotzdem eine spannende Referenz. Es zeigt, welche Strukturen vor Ort bereits existieren, wie Organisation in Gruppen funktionieren kann und welche Möglichkeiten, aber auch Grenzen solche Formate mit sich bringen.

Weiterführende Quellen:
https://curatorialresearch.com/services/research/decolonisation/decolonising-glossary/
https://www.theantiracisteducator.com/glossary
https://introductiontodecolonisation.com/glossary-of-key-terms/
https://www.dmu.ac.uk/documents/community/decolonising/glossary-of-key-terms.pdf
https://hsabc.org/sites/default/files/uploads/jedi-glossary.pdf
https://www.brennpunkt.lu/en/hs_glossaire/